Über mich · Mein Weg
Erst Show-Trucks, dann Bleistifte, dann Webseiten
Promotion, Textil, zehn Jahre Beschaffung in Asien, dann Webdesign. Wie aus lauter Umwegen ein Beruf wurde.
Mitte der Neunziger stand ich zum ersten Mal neben einem Show-Truck. Für eine Kinofilm-Roadshow musste jemand mit den Kommunen die Stellplätze verhandeln, das Personal im ganzen Land zusammensuchen und vor Ort nachsehen, ob die Aktion wirklich lief. Das war ich. Ein paar Jahre später hatte ich eine eigene Agentur für Verkaufsförderung: Promoter schulen, Moderatoren für Themenparks und Autoshows stellen, Sampling von Nord bis Süd. Kinofilme, Bierbrauer, Spielzeughersteller, Autohäuser.
Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie viel eine Geschichte trägt. Unsere eigene Webseite war kein Kandidat für einen Designpreis. Sie erzählte, was wir machten, und zeigte ein paar starke Bilder. Das hat gereicht, damit man uns für größer hielt, als wir waren. Viel größer.
Von Show-Trucks zu Stoffballen
Irgendwann war die Agentur zu Ende erzählt. Der nächste Schritt hatte mit Promotion nichts mehr zu tun: eine Textilagentur, Beschaffung und Produktion im Kundenauftrag, der Stoffmarkt in Istanbul-Merter, unter den Kunden die Deutsche Bank. Statt Aktionen zu organisieren, ließ ich jetzt Ware herstellen. Spezifikation, Preis, Termin, Qualität — das ist ein anderes Handwerk, und es hat mir besser gelegen, als ich dachte.
Über einen Kontakt kam ich danach in eine Frankfurter Handelsfirma. Kerngeschäft: Produkte für Kunden beschaffen. Zehn Jahre lang habe ich in Asien für einen der ganz großen europäischen Discounter gesourct. Bleistifte, Buntstifte, Lineale, Schülermäppchen, Acrylfarben. Rund viereinhalb Millionen Dollar Produktionsvolumen im Jahr, gesteuert von mir und einer Assistentin im Frankfurter Büro.
Was Gmail konnte, bevor es jeder hatte
Möglich war das nur, weil zwei Dinge gleichzeitig neu waren. Alibaba war in Europa noch kaum ein Begriff, und Gmail steckte in der Beta — man kam nur per Einladung rein, meine habe ich mir von einem Fremden im Netz besorgt. Für die meisten war das ein Postfach. Für mich war es Archiv, Projektzentrale und Datenbank in einem: Labels statt Ordner, damit eine Mail gleichzeitig unter Bleistift, Radiergummi und Lineal lag. Vorher hätte ich sie dreimal ablegen müssen.
Eine einzige, sauber geschriebene Anfrage ging an zehn, manchmal dreißig Hersteller. Kartongröße, Graphithärte, zulässige Farben, Liefertermin, alles drin. Die Antworten sortierte ich mit dem Dollarpreis vor dem Firmennamen ins Label — das ergab von selbst ein Ranking. Den teuersten strich ich, den billigsten auch, aus dem Rest blieben die seriösen übrig. Andere sammelten auf Messen Visitenkarten. Ich hatte den kalkulierbaren Preis nach ein paar Stunden. Der TÜV sagte mir einmal, ich ließe vermutlich mehr Blei- und Buntstifte für den europäischen Markt prüfen als manche bekannte Herstellermarke.
Als an den Messeständen die Discounter-Logos hingen
Dann kippte das Geschäft, und zwar schnell. Früher holte mich eine Fabrik vom Flughafen ab, stellte einen Fahrer, die Produktionsleitung wartete, abends wurde gemeinsam gegessen. Später kamen auf eine Anfrage keine Angebote mehr zurück, sondern Fragebögen: Bonität, Geschäftsvolumen, Sicherheiten, bisherige Partner in China. Ich wollte einfach nur wissen, was ein Bleistift kostet.
Parallel verlangten die Discounter Prüflaborabnahmen für jeden Artikel und wussten damit, wo produziert wurde. Auf einer Messe in China hingen ihre Logos an den Ständen meiner Lieferanten. Da war klar, dass sie mich nicht mehr brauchen.
„Sie haben sich den Termin erschlichen“
Zum Webdesign kam ich trotzdem nicht aus Begeisterung, sondern aus Ärger. Termin bei einem Sektproduzenten im Raum Frankfurt. Der Einkäufer eröffnete das Gespräch mit dem Vorwurf, ich hätte mir den Termin erschlichen. Er hatte eine Stunde vorher unsere Firmenseite aufgerufen und dort Batterien gesehen. Von meinem Sortiment stand da kein Wort.
Die Seite, die das hätte zeigen sollen, wurde zweimal gebaut und ging kein einziges Mal online. Erst von zwei Designern im Haus, dann von einem externen Webdesigner für rund fünfzehntausend Euro, komplett in Flash, sehr bewegt und nicht bedienbar. Zertifikate hingen bei allen an der Wand. Später wartete ich noch monatelang auf einen Datenbankentwickler, der mir erklärte, warum das Einfache unmöglich sei. Dreimal dasselbe Muster.
Danach habe ich angefangen, es selbst zu lernen. Nicht in einem Kurs, sondern über Jahre an Tutorials, Foren und Problemen, die ich so lange gedreht habe, bis sie liefen. Was mir vorher gefehlt hatte, war keine Ware und kein Preis. Es war die Seite, auf der jemand sehen kann, was ich anzubieten habe.
Zurück in dem Raum, in dem ich unterschrieben habe
Mein Büro liegt heute an der Fressgasse. Vierzig Jahre lang war in diesen Räumen das älteste China-Restaurant Frankfurts. Ich kannte das Haus, lange bevor es meine Adresse wurde: In genau diesem Zimmer habe ich während der Messen jedes Jahr die Jahresverträge mit meinen chinesischen Lieferanten ausgehandelt. Mindestabnahmemengen zwischen den Gängen, unterschrieben wurde beim Essen. Heute steht dort mein Schreibtisch.
Ich baue jetzt für andere die Seite, die mir damals gefehlt hat. Vom Show-Truck über den Bleistift bis zu der Frage, ob jemand im Netz sieht, was du wirklich kannst — das ist derselbe Beruf, nur mit anderen Mitteln. Und die Antwort darauf entscheidet heute mehr als jeder Messestand.